Galerie K'

15. Mai 2026 bis 4. Juli 2026
Galerie K'
Last und Lust | 2023 | Mischtechnik auf Papier | 40 x 30 cm
Thomas Hartmann: Die zweite Republik der Bücher

Eröffnung 15.5. | 19:00

Aus: Alexander Kluge
Die Republik der Bücher


Zu Bildern von Thomas Hartmann (...)

Die (...) Bilder (von) Thomas Hartmann (...) handeln von Büchern und Archiven. Ein „Zoo der Schriftlichkeit“. Eine Hymne auf die Überlieferung von Narrationen, Berichten und Texten: eben das, was Bücher, Zettelkästen und Gedankenspeicher vermögen. (...) Menschen treten zu den Büchern hinzu (der Mensch (ist nun) weit vorn, (...) (zuvor) war (er) noch hinter dem Stapel von Büchern, die er schleppt, verborgen). Unmittelbar nach dem Bild (...) folgen zunächst Bilder einer rebellischen Anarchie. (...) (D)ann erstmals ein Fenster. Eine Lampe, ein Stuhl, auf dem ein Autor oder Leser saß und ein wildes Durcheinander von Schriften – und zugleich ein Blick aus der Bücherwelt nach draußen. (...)(D)ann ein arbeitender Mensch am Tisch. Wellen von „Inhalt“, offenbar nicht nur aus Büchern um ihn herum.

Eine gewaltige Kathedrale von Büchern (...). Mit einer in der unpoetischen, realen Welt schwer vorstellbaren Leiter. Die Leiter – eine entfernte Verwandte der Jakobsleiter – führt nur zur Hälfte der Regalbauten. Irgendwann wird ein Mensch, der sie besteigt, mit der „Suche nach dem verlorenen Buchstaben“ beginnen. Es scheint mir nicht unmöglich, dass irgendeines dieser gotisch in die Höhe weisenden Bücherregale ein Stück der „Dunklen Seite des Alpha“ berichtet. Die Farben und die Schichtung der Bücher – aber auch ein „verlassenes Lager an Regalen und Kästen (...) bewirken bei mir, dass die Absicht wechselt. DIE FRAGE VERSCHIEBT SICH: Die Hoffnung, die sich auf die Dunkle Seite des Alpha richtet, wo der Gottesname notiert sein mag, wo aber auch ein Brunnen oder Abgrund wartet, möchte ich nicht dadurch verlieren, dass ich das Notat tatsächlich finde. „Ich möchte, dass mich mein Gott nicht enttäuscht“. Lieber will ich ihn im Verborgenen wissen und meine Hoffnung behalten.

Solche Hoffnung schmückt die Fluchtlinie der farbkräftigen Bände mit Schleifen (...). Überhaupt sind die Farben, die Unschärfen, die malerischen Mittel den Büchern überlegen, wie sie tatsächlich in den Bibliotheken und in den Arsenalen gespeicherten werden. Hartmanns Buch ist eine Feier für Bücher, die noch gar nicht geschrieben wurden. Auch enthält es ein Lamento: den Trauergesang über den Brand der Bibliothek von Alexandria. Dramen von Sophokles gingen dort im Feuersturm auf Ewig verloren. Wir müssen uns aufmachen, sie aus den wenigen Zitaten, die in fremden Werken auf diese Dramen hinweisen, zu rekonstruieren. Wir müssen sie neu schreiben. Ich verzeihe den Brandstiftern nicht, dass sie diese schöne Bibliothek, die das Wissen der Antike enthielt, anzündeten. Den Tod der Frauen, die als Hexen verbrannt wurden, verzeihe ich deren Richtern nicht.

Es gilt: „APOKATASTASIS PANTON“ – die Auferstehung aller vernichteten Kreatur. Davon handeln Bücher. Bücher sind nicht harmlos. In ihnen steckt der Geistersturm, der Wind, der die Geschichte durchweht.

(...)

Immer erneut Perspektiven. Die Welt der Bücher als Hochbau und zugleich als flach hingestreckter Turm von Babylon. Auf (...) (einem der Bilder) sehe ich Texte auf dem begehbaren Boden zwischen den Büchern. „Licht und Schatten“ / „Das wahre Leben“ / „Landschaft wie Gewalt“ / „Ein Anfang, kein Ende“. An der Decke des büchergefüllten Raumes in Paradeaufstellung, mit lesbaren Titeln, die keinen Gehorsam versprechen, eine weitere der gewaltigen Horizontlinien: Bücher weisen auf eine unsichtbare Zentralperspektive hin, einen Punkt, eine Lücke in der Realität. Hätte man mehr Erfahrung, wohin diese Lücke führt (so wie während der Luftangriffe 1944 ein Mauerdurchbruch über die Nachbarkeller aus der brennenden Stadt herausführte) – ja, dann wüsste man etwas von Heterotopie und Utopie. Davon handeln Bücher. Groß und poetisch gemalt z. B. auf den Seiten 106 und 107. Bewegend für mich: ein Mensch mit Regenschirm vor Bücherwand. Ich nehme an: er weiß, wie Nässe auf der Haut sich anfühlt. Er steht vor dem Wald von Büchern wie der von Caspar David Friedrich gemalten Chasseur, der ratlos vor einem russischen Wald steht.

Je mehr der Betrachter zu den Anfangsbildern dieser Bildersammlung gelangt, desto mehr zeigen sich die Bücher in ihrem Eigenleben: „Bücher sind sich selbst genug“. Sie vereinsamen nicht, wenn sie keine Leser haben.

Bücher sind kein technisches Instrument der Kommunikation. Sie sind Lebewesen. Alle die, die Bücher (als Berichterstatter, Sammler, Erzähler oder Drucker) herstellten, haben ihnen mit ihrer Lebendigkeit Leben eingehaucht. Nachts, das weiß ich genau, reden die Bücher miteinander In den großen Magazinen der Bibliotheken tauschen sie sich untereinander aus. Es ist ein Gemurmel zu hören. Der Astronom Kepler nahm an, dass das Gebrumm der Bücher untereinander ähnlich klingt, wie der Ton des Planeten Uranus. Kepler hat in seinem Buch Harmonices Mundi solche Planetentöne in Noten aufgeschrieben. Der Alchemist Doktor Robert Fludd, ein Zeitgenosse Shakespeares, Liebling Anselm Kiefers, hat eine besondere Notenschrift für die kosmische Musik in dem Kapitel Musica Mondana niedergelegt, das sich in seiner Utriusque Cosmi Historia findet. Ich erwähne die Noten und die Musik, weil mich die Bilder(...) an Musik erinnern. Sie zeigen nicht bloß Bücher.

(...)
Weitere Informationen zur dieser Ausstellung »